Die Doppelmoral der Friedensbewegten

08.10.2016 Berlin: Querfront-Bündnis demonstriert für Frieden

Vor dem Hintergrund des militärischen Eingreifens der USA, Frankreich und Großbritannien im Syrienkrieg ruft Sahra Wagenknecht gemeinsam mit Dietmar Bartsch am kommenden Mittwoch (18.04.2018) gegen „völkerrechtswidrige Raketenangriffe“ auf die Straße. Zu erwarten ist die übliche antiamerikanistische und antisemitische Querfront, für die Kriege immer nur dann relevant sind, wenn die US-Streitkräfte involviert sind.

In ihrem Aufruf greift Wagenknecht auf die üblichen Worthülsen wie „Flächenbrand“ und „Öl ins Feuer gießen“ zurück. Als seien in Syrien nicht schon eine halbe Million Tote zu beklagen, und als seien gegen den IS nicht bereits die Streitkräfte der halben UN im Einsatz.

Gleichzeitig fordert sie die Unschuldsvermutung des Strafrechts auf das Kriegsrecht auszudehnen und verkennt dabei, dass es hier um keine Bestrafung geht, sondern um den Schutz der syrischen Zivilbevölkerung vor dem Einsatz chemischer Waffen. Diese Schutzbedürftigkeit geht vor jede Unschuldsvermutung, besonders dann, wenn die UN bereits zweifelsfrei festgestellt hat, dass Assad für jeden der vergangenen Chemiewaffen-Einsätze die Verantwortung trägt.

Die Koalition kann mit dem absoluten Bann argumentieren, mit dem die Staatengemeinschaft den Einsatz solcher Waffen belegt hat und daraus eine Verpflichtung zum Eingreifen ableiten. Dahingegen besteht keinerlei Zweifel, dass das gezielte Bombardieren ziviler Ziele wie Wohnviertel, Not-Hospitäler oder Schulen, deren sich Assad und Russland schuldig machen, gegen internationales Recht verstoßen. Dagegen jedoch hat sich Frau Wagenknecht, genauso wenig wie all die anderen „Friedensfreunde“, je ausgesprochen.

Und um jedem Vorwurf vorzugreifen, der uns gerne von Friedensfreunden der Mahnwachen, die den Aufruf von Wagenknecht gerade euphorisch teilen, gemacht wird: Nein, wir sprechen uns nicht für noch mehr Bomben aus, wir sprechen uns gegen die Doppelstandards dieser Friedensbewegung aus, die wir als menschenverachtend empfinden.

Ich werde am Mittwoch um 18 Uhr in Berlin auf die Straße gehen, weil ich darüber empört bin, dass die Bundesregierung…

Gepostet von Sahra Wagenknecht am Montag, 16. April 2018

 

Querverweis: Wie eine Ironie des Schicksals ruft ausgerechnet die NPD zum selben Thema, am selben Tag, zur selben Uhrzeit und nur einen Steinwurf von Wagenknecht und Bartsch entfernt zu einer eigenen Kundgebung auf. Hier ist das Motto: „Schluss mit der Kriegstreiberei – wir wollen keinen Dritten Weltkrieg!“. Die Argumentation im Aufruf könnte in Teilen der Feder Ken Jebsens entsprungen sein.

Weiteres zum Thema:

Falsche Friedensfreunde (Beitrag vom 15. April 2018): Nach dem Eingreifen der USA in Syrien schließen sich Teile der Mahnwachen Sympathisanten Assads an und demonstrieren gegen die Nato und für ein modernes Syrien unter Bashar Al-Assad

Falsche Friedensfreunde

Die Deutsche Friedensbewegung entdeckt nach Jahren des Krieges endlich Syrien (Beitrag vom 13. April 2018)

Die deutsche Friedensbewegung wurde von Wolfgang Pohrt schon in ihren Anfängen als nationale Erweckungsbewegung treffend…

Gepostet von Friedensdemo-Watch am Freitag, 13. April 2018

Melzer: „Hinter den Missständen in der Welt stehen die Rothschilds und Rockefellers.“

Gastbeitrag von Anonymus

Der Publizist Abraham Melzer hat Martin Lejeune in dessen Wohnung ein Interview gegeben. Das Video von der Zusammenkunft hat Lejeune über facebook, Twitter und YouTube am 3.11.2017 zugänglich gemacht.[Anm.d.Red.: Das Video wurde mittlerweile mitsamt des Youtubekanals gelöscht, wir haben noch einen Screenshot]

Der nach Selbstbeschreibung „aktivierende Journalist“ Lejeune hat erst kürzlich in einem Video von Sputnik News anlässlich der Verleihung des Goldenen Aluhuts erklärt, dass hinter den Missständen in der Welt die Rothschilds und Rockefellers stünden:

„Unser ganzes kapitalistisches Weltwirtschaftssystem ist eine Verschwörung. Arme werden ärmer, Reiche werden reicher, das ist die TOP-1-Verschwörung. Und die Verschwörung wird real gemacht von Verschwörern wie Rothschild oder Rockefeller und anderen also bekannten Namen.“

Lejeune nahm am 4.10.2017 an einem Google-Hangout mit dem YouTuber „Knakki Deluxe“ (Volker Bellendorf) teil. Dort erklärte er:

„Vor allem die Interviews mit Diplomingenieur Schulz schau ich mir gerne an.“

Lejeune bezog sich hierbei auf eine vorübergehende Zusammenarbeit von „Knakki Deluxe“ und Schulz bei vorangegangenen YouTube-Übertragungen. Dennis Ingo Schulz ist ein Rechtsradikaler, der aus dem Umfeld der Neuschwabenlandtreffen des Dr. Alexander Stoll stammt und inzwischen versucht, sein Gedankengut auf YouTube als Satire zu verkaufen, um strafrechtlicher Verfolgung zu entgehen. Schulz tritt gern in einer Fantasieuniform auf, deren Aussehen an Uniformen des Dritten Reich angelehnt ist, wobei das Hakenkreuz durch das Symbol der Schwarzen Sonne ersetzt wurde. Die schwarze Sonne wurde im ehemaligen Obergruppenführersaal der „Reichsführerschule SS“ in der Wewelsburg eingelassen und gilt heute als Erkennungszeichen der rechtsesoterischen und rechtsextremen Szene.

Anlässlich der Äußerung von Lejeune zu Dennis Ingo Schulz wandte sich der einschlägig bekannte Berliner „Menschenrechts- und Palästina-Aktivist“ und nun frühere Weggefährte Fuad Afane, der heute seine Zusammenarbeit mit Rechtsextremisten in der Montags-Mahnwachenbewegung und Endgame-Veranstaltungen bereut, mit einem Facebook-Livevideo an seine Follower. Dort sagte er [ab Minute 27] in Bezug auf Martin Lejeune:

„Ganz genau, das ist es nämlich, Mikael: Er war in Palästina, weil er Juden hasst. Das ist nämlich genau meine selbe Logik. Dieser Typ betreibt einen Judenhass und ist nicht, und ist nicht tatsächlich einfach nur ein Antizionist so wie wir.“

Im Hangout-Chat mit Bellendorf wurde auch über die Frage gesprochen, ob die fiktionalen „Protokolle der Weisen von Zion“, die eine wesentliche Rolle bei der Förderung des Antisemitismus nicht nur im russischen Zarenreich, sondern auch im Dritten Reich spielten und eliminatorischen Judenhass begründeten, authentisch seien:

Lejeune: „Schwer zu sagen. Ich hab’s auch so und so gehört. Manche meinen, es sei ein Fake. Manche sagen, es sei kein Fake. Ich kann es ganz ehrlich nicht sagen, weil ich bin kein Historiker, kein Experte auf diesem Gebiet… Es ist wirklich schwer zu sagen, ob’s ein Fake ist oder nicht.“
Bellendorf: „Es ist sehr manipulativ.“
Lejeune: „Das auf jeden Fall. Es ist eine spezielle Lektüre, aber ich…“
Bellendorf: „Wenn wir statt Jude Deutscher nehmen, wär’s ähnlich kritisch..“
Niederrheiner: „Vielleicht kann ich ganz kurz… Die Protokolle der Weisen von Zion sind eigentlich schon lange als Fake geoutet worden. Das ist aber allgemein bekannt eigentlich.“
Bellendorf: „Gut aber, wie gesagt…“
Lejeune: „Vielleicht ist ja das Outen des Fakes ein Fake. Aber wie gesagt: Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.“

Martin Lejeune, der „aktivierende Journalist“, wurde im Frühjahr diesen Jahres nach eigenem Bekunden aus der zur Gewerkschaft ver.di gehörenden Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union ausgeschlossen[1]. Folgerichtig hat er sich bei dem Versuch, das Axel-Springer-Sommerfest in diesem Jahr zu besuchen, um dort Angela Merkel zu interviewen, gegenüber einem Polizisten nicht als Journalist, sondern als Nachbar, der auf Facebook aktiv sei, ausgegeben. Selbstverständlich kam er nicht auf das Gelände.

Nach Matthias Küntzel ist derjenige politisch links, der sich als links bezeichnet und in der Tradition der Aufklärung steht. Lejeune, der als Studierender am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin noch beklagte, dass der Tod von Rudi Dutschke eine Lücke hinterlassen hätte, die nicht ausgefüllt wäre, scheint seinen Weg von einer ursprünglich links geprägten Einstellung zu rechtsextremen Verschwörungsdenken abgeschlossen zu haben.

Von einem Publizisten und Verleger wie Abraham Melzer kann erwartet werden, dass er sich über die Gesinnung eines Gesprächspartners im Klaren ist. Es braucht nur einen Internetzugang und ein wenig Recherche, um das heutige Weltbild von Martin Lejeune zu erkennen. Dass Melzer nun vor der „Bücherwand“ des Martin Lejeune Platz genommen und geplaudert hat, ist mehr als bedenklich.

Abraham Melzer wurde um eine Stellungnahme zu vorstehendem Text gebeten. Er schrieb:
„Nur so viel: Auch ich bin der Meinung, ‚dass hinter den Missständen in der Welt die Rothschilds und Rockefellers‘ stehen. Sie nicht? Um zu einer solchen Erkenntnis zu kommen muss man kein Antisemit sein, wie man auch kein Antisemit sein muss, um Israels Politik zu kritisieren. Man muss nur ein Gewissen haben, an die Menschenrechte glauben, Zivilcourage und einen gesunden Menschenverstand haben.“


Nach Überzeugung von Lejeune stehen die Rothschilds hinter der amerkanischen und der russischen Revolution von 1917, haben Palästina zerstört, um Israel zu erschaffen, sind an den Anschlägen von 9/11 beteiligt, besitzen die Zentralbanken der Welt und kontrollieren Regierungen. So steht es auf einer Grafik zu lesen, die Lejeune am 23.09.2017 auf Twitter veröffentlicht hat.
 

In einem Text, den Lejeune auf seinem Blog martinlejeune.de ursprünglich unter dem Titel „JuBIG Akademie der BIG-Partei lädt Mehmet Daimagüler ein“, heisst es:
„Daimagüler íst Mitglied der Atlantikbrücke, welche die Interessen der Mächte vertritt gemeinsam mit den Bilderbergern und der ‚Trilateral Commission‘.“
Der Text wurde von Lejeune zwischenzeitlich überarbeitet und mit dem veränderten Titel „Mehmet Daimagüler und der Marshall-Plan für Europas Muslime“ versehen. Die angeführte Textpassage, die wiederum Anleihen bei rechtsextremer Verschwörungsideologie nimmt, ist entfallen und wurde unangreifbare Passagen ersetzt.[2]

Es gibt auf Twitter und YouTube weitere Bezugnahmen von Lejeune auf Verschwörungsideologien, die der Rechten zugeordnet werden. Welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, dass Abraham Melzer daran nichts anrüchig findet, überlasse ich Ihnen.

[1] Das Video „ver di schließt Martin Lejeune aus Diskriminierung DJU verdi Deutsche Journalisten Union – YouTube (360p).mp4“ ist auf YuoTube nicht mehr sichtbar, liegt dem Autor aber vor.

[2] Die Orginalversion des Textes liegt der Redaktion vor


Hinweis: Das Originalvideo des Hangout-Chats mit Bellendorf und Lejeune umfasst vier Stunden, in denen Lejeune für ca. 15 Minuten telefonisch und ca. 2 Stunden per Videoübertragung anwesend war. Dieses Video ist hier zu finden:
https://www.youtube.com/watch?v=u7Dv2fNM90U&t=4005s