Wahnwichtel marschieren Hand in Hand mit Nazis

Die dritte „Merkel muss weg“ Demo brachte am vergangenen Samstag, dem 30.07.2016, wieder Teilnehmer aus allen möglichen Spektren der extremen rechten Szene auf den Washingtonplatz in Berlin zusammen. Zu sehen waren Vertreter von Afd, NPD, Die Rechte, wie auch Hooligans, freie Kräfte und Teilnehmer sämtlicher Pegida-Ableger. Die Veranstaltung war trotz stetig geringer werdender Teilnehmerzahlen für die Rechten ein voller Erfolg. Mehr als vier Stunden konnten sie die Innenstadt einnehmen und ungehindert mit Chören wie „Frei, Sozial und National“ und „Nationaler Sozialismus – Jetzt!“ durch die Stadt spazieren. Von der antifaschistischen Gegendemo war kaum etwas wahrzunehmen und was die Veranstaltung „Zug der Liebe“ gegen zeitgleich demonstrierende Nazis ausrichten soll, wenn sie doch trotz großer Teilnehmerzahlen außer Hör- und Sichtweite stattfindet, bleibt schleierhaft! Die Nazis selbst jedenfalls werden von dieser Veranstaltung wohl nur lachend Notiz genommen haben.

Ungeachtet der sichtbaren und hörbaren Militanz offen rechter Kader, hatten es wieder einmal ein paar Wahnwichtel aus dem Spektrum der Mahnwachen für den Frieden, Friedensfusion und auch Endgame nach Berlin geschafft. Namentlich zu nennen wären hier Bianca Budnick, Thomas Löbnitz, Hendra Kremzow, Reza Begi, Michael Krosta, Hagen Schütte, Carsten Halffter, Max Bachmann, Curd Schumacher und Viktor Seibel, wobei letzterer seine politische Heimat ohnehin schon lange in der offen rechten Szene gefunden hat. Ein Teilnehmer warb für die von KenFM promotete “Friedensfahrt Berlin – Moskau 2016”, die am kommenden Wochenende von Berlin aus starten soll und in die der Mahnwachenaktivist und Rapper C-Rebell aka Owe Schattauer federführend involviert ist.

Bianca Budnick mit Max Bachmann, Thomas Löbnitz, Curd Schumacher am Wochenende in Berlin. Hagen Schütte in der Menge

Obwohl diese Veranstaltung sehr deutlich von einer hohen Aggressivität, Rassismus, Antisemtismus, Nationalismus und Neofaschismus dominiert wurde, was sich nicht nur in eindeutigen Parolen und T-Shirts zeigte, sondern auch durch mehrmaligen Zeigen des Hitlergrußes und einer extrem aggressiven Haltung gegenüber dokumentierenden Pressevertretern, loben Bianca Budnick und Thomas Löbnitz die Demo auf ihren Facebook Profilen als gelungen. Bianca Budnick, die eine große Verehrerin von Jürgen Elsässer ist und immer wieder sein Compact-Heft bewirbt, schwafelt in einem kitschigen Text, der von Fotos begleitet ist, ausgiebig von Gerechtigkeit, Gleichgewicht und Widerstand und zeigt ihre vollkommene Verirrung, wenn sie im vollem Glauben diesen Unfug von den mit 25,- Euro pro Stunde ausbezahlten Antifas erwähnt.

Thomas Löbnitz hingegen beschreibt den offen menschenfeindlichen Naziaufmarsch auf seinem Facebook-Profil mit den Worten:  “Tolle Leute + Tolle Reden + Tolle  Atmosphäre!“ und untermalt seinen Standpunkt mit der Verlinkung eines selbst gefilmten Ausschnitts,  in dem auch der identitäre Schlachtruf   „Heimat,  Freiheit,  Tradition!  Multikulti  Endstation!“ zu hören ist. Insgesamt, so hält Löbnitz fest, sei diese Demo „eine runde Sache“ gewesen und hebt via Link besonders die völkische Rede Viktor Seibels hervor. Verfolgt man Thomas Löbnitz Postings muss man festhalten, dass dieser einer offen rechten Ideologie folgt. Er hält nicht nur Kontakte zu den Hetzern Gregor Stein, Curd Schumacher und Dennis Ingo Schulz aka TTA, auf seinem Profil finden sich auch Verlinkungen zu Tatjana Festerling, allen möglichen „Deutschland wehrt sich“-Seiten, wie auch zu antisemitischen, völkischen und den NS-Faschismus relativierenden Videos. Er engagiert sich zwar hauptsächlich bei Mahnwachen und Endgame, ist aber immer wieder, ähnlich wie Frank Geppert und Kathrin Oertel, auf größeren Veranstaltungen der PEGIDA-Ableger anzutreffen. Man darf an dieser Stelle also doch mit großer Berechtigung fragen, was Thomas Löbnitz bei der Verleihung eines vermeintlichen Friedenspreises an Reiner Braun, den Kopf des „linken“ Bündnisses Friedenswinter, zu suchen hatte, wo Löbnitz die Zeremonie feierlich mit eigenen Worten begleitete. Unsere veröffentlichte Recherche, sowie öffentliche Kritik an Reiner Braun haben Braun bisher nicht dazu bewegt, dazu Stellung zu nehmen. Er sitzt das weiterhin lieber schweigend aus.

Reiner Braun mit Thomas Löbnitz bei der Verleihung des Bautzner Friedenspreises.

Hagen Schütte und Carsten Halffter hielten sich während der Auftaktkundgebung eher am Rand auf und beschränkten sich auf herzliche Begrüßungen und den einen oder anderen Plausch. Offensichtlich war ihnen diese Veranstaltung, trotz inhaltlicher Übereinstimmung, nicht blumig genug. Im Internet aber zeigen sie ihre Antipathie gegen eine kleine gegen diesen Aufmarsch protestierende Gruppe. Hagen Schütte zum Beispiel verlinkt die Rede Viktor Seibels und nennt die Gruppe auf der anderen Seite der Absperrung “Antifa-Haufen” und “Antifa-Schreichor”.

Viktor Seibel hinter dem Transparent von ThüGIDA

Michael Krosta freute sich am Samstag Alexander Kurth zu treffen und filmte ihn ausgiebig, nachdem er mit ihm eifrig beim Händeschütteln  zu beobachten war.
Michael Krosta  ist Inhaber   des  Youtube-Kanals  KrostaTV, wo man den ganzen Querschnitt der Querfront in Interviews und Beiträgen präsentiert bekommt. Von Friedenswinteraktionen,  Sahra  Wagenknecht, Interviews mit Ralph Boes bis hin zu extrem rechten Protagonisten ist alles dabei. Insgesamt scheint es, dass er mit seinen Formaten KenFM nacheifert, dabei aber weit weniger Erfolg hat.

Michael Krosta (Krosta TV) mit Alexander Kurth (DIE RECHTE), im Hintergrund Viktor Seibel

Curd Schumacher, der sich auch Curd Ben Nemsi oder “Der böse Mann” nennt, ist von Beginn an ein Protagonist der extremen Rechten gewesen, der sich aber im Laufe der Zeit verschiedenen Mahnwachenaktivisten angenähert hat. Durch seinen Abstecher in die salafistische Gemeinschaft Düsseldorfs über Michael Krosta und Jörg Cölsmann, dem ehemligen Kopf der Mahnwache Düsseldorf, ist er aber umstritten und tritt bei PEGIDA und ähnlichen Veranstaltungen eher nicht mehr als Redner auf. Dennoch genießt er weiterhin so etwas wie einen Promistatus und wird immer wieder von Teilnehmern um gemeinsame Selfies gebeten.
(Edit: Offensichtlich sind die Differenzen überwunden:
Curd Schumacher ist am 01.08.2016 bei PEGIDA NRW aufgetreten.)

Max Bachmann arbeitet für den verschwörungsideologischen Sender Eingeschenkt TV, hat aber gerade als Kameramann das neueste Video-Kooperationsprojekt der vermeintlich von den Mahnwachen ausgestiegenen veganen Sängerin Morgaine und des „linken“ Rappers Kaveh begleitet, in dem einige Wichtel aus Mahnwachen und Endgame mittanzen. Sie werden hier auch von dem Sender Weltnetz TV unterstützt.

Quelle Morgaine: http://archive.is/Yz733
Quelle Morgaine

Daneben ist Bachmann Teil von offen rechten und antisemitischen Veranstaltungen um die Hallenser Montagsdemo und Endgame.
Immer wieder finden Frank Geppert, Donatus Schmidt, Kathrin Oertel oder auch der lippenbekennende Neonaziaussteiger, Rassist und Hetzer Sven Liebich (Ex-Blood & Honour-Aktivist) bei ihm eine Plattform und werden als Friedensaktivisten und/oder Blogger vorgestellt und verharmlost. Auch in Berlin war Max Bachmann an diesem Wochende mit einem Presseausweis und einer Kamera ausgestattet, die Sympathie für diese Art der menschenfeindlichen Veranstaltungen ist aber seinen Berichten, nicht nur bei Eingeschenkt TV sondern auch seinem eigenem Kanal „GERnalist“ zu entnehmen.

Endgamer unter sich: Max Bachmann, Alexander Quint, Thomas Löbnitz, Kathrin Oertel, Jana Witschetzky, Hendra Kremzow, Reza Begi und andere

Hendra Kremzow, ehemals Aktivist der Mahnwache München, ist mittlerweile weit im rechten Spektrum angekommen. Er ist ebenfalls immer noch im Kontext des Mahnwachen anzutreffen, aber seine Kontakte zu den Organisatoren des Bündnisses „Wir für Berlin- Wir für Deutschland“, um den Pro Deutschland- Funktionär Enrico Stubbe sind bekannt. Auf der 1. “Merkel muss weg” – Demo stach gerade seine Rede durch  einen üblen Antisemitismus hervor.

Hendra Kremzow mit Ignaz Bearth, Ex-PEGIDA Schweiz und PNOS, heute DPS

Reza Begi, die Kölner Lachnummer der ganzen Mahnwachenszene, der abgöttisch in Kathrin Oertel verliebt ist und die ganze Netzgemeinschaft an seinen wirren Phantasien teilhaben lässt, durfte zwar nicht wie gewollt eine große Rede halten, aber er hatte die Ehre den äußersten Zipfel des Front-Transpis zu halten. Reza Begi fällt immer wieder durch Antisemitismus inkl. Vernichtungsphantasien auf. Er nannte Angela Merkel in einem Posting eine Halbjüdin, Faschistin und Hure und rief zu ihrem Sturz auf, weshalb er eine Anklage wegen Volksverhetzung am Laufen hat. Wie wirr sein Verhältnis zur Demokratie ist, zeigt sich wenn er direkt nach der Nazidemo in Berlin, sich in Köln der nationalistischen türkischen Demonstration anschließt und dabei pathetisch von Demokratie und Frieden spricht. Außerdem plant er gerade mal wieder eine eigene Veranstaltung in Berlin, die er anderes als Christioph Kastius, der seine Aktionen “Sturm auf den Reichstag” nannte, personalisiert: “Die Zionistin Merkel festnehmen” ist das Motto.

Reza Begi: Stolz wie Bolle
Quelle: Facebook Reza Begi

Abschließend sei noch mal darauf hingewiesen, dass auch Hallenser Mahnwichtel anwesend waren. Franky Schumi und Susanne Hohmann haben vermutlich das Transparent mitgebracht, das auch jeden Montag auf der Montagsdemo in Halle zu sehen ist und das von Sven Liebich bereitgestellt wird, auch wenn dieser bestreitet etwas damit zu tun zu haben. So durften die sonst in diesem Umfeld eher unbekannten Protagonisten prominent am Front-Transpi neben Manfred Rouhs mitlaufen.

Franky Schumi & Susanne Hohmann…
neben Manfred Rouhs

Das Wochenende hat mal wieder gezeigt, wie weit der Rechtsrutsch verschiedener Mahnwachenprotagonisten mittlerweile vorangeschritten ist. Obwohl für jeden live mitzuverfolgen, werden solche Aktivisten aber weiterhin nicht von Mahnwachen und von Friedenswinteraktionen ausgeschlossen. Wir bleiben gespannt auf das Wochenende, wenn Ken Jebsen alias KenFM die Abfahrt der Tour nach Moskau begleiten wird, für die nicht nur auf der Nazidemo geworben wurde, sondern offensichtlich auch am 21.07.16 auf Elsässers letzten Compact Live Veranstaltung in Berlin und zu der sich das gesamte Wahnwichtelnetzwerk, inklusive der hier genannten Teilnehmer, angekündigt hat.
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Nachtrag:
„Die Welt ist ein Irrenhaus und friedensdemowatch ist die Zentrale“ (Bianca Budnick)

In unserem Blogpost „Wahnwichtel marschieren Hand in Hand mit Nazis“ ging es um die letzte Merkel muss weg-Demo. Als Titelbild wählten wir eins, das Teilnehmer dieser Demo mit einem Transpi zeigt, auf dem die Forderung „Den Demokraten den Stecker ziehen – Nationaler Sozialismus JETZT“ zu lesen ist. Man muss also schon recht „kreativ“ sein, wenn man leugnen und glauben will das keine Nazis auf der Demo waren, die offen ihre Ideologie propagieren durften. Manche kriegen aber sogar das hin. Chapeu!

So kommentiert z.B. Reza Begi:

In den Kommentaren fügt er hinzu:

Dazu verlinkte er einen unserer Beiträge, in dem wir seine Behauptung ins Visier nehmen, der Amoklauf eines Deutsch-Iraners in München sei ein Fake seitens der „Deutsch Zionisten“ gewesen, um im „Medienkrieg“ den antizionistischen Deutsch-Iraner Kaveh Ahangar zu diskreditieren, da dieser gerade beim Deutsch-Iraner Ken Jebsen die Wahrheit über die Zionisten erzählt habe. In einem weiteren Kommentar fragt er:
Hiermit dürfte dann auch klar sein wen er mit Chasaren meint. Kurz darauf beruft er sich noch auf Benjamin Freedman, dieser „unterstellte einem Großteil der New Yorker Juden, keine echten Juden zu sein, sondern von den Khasaren abzustammen und behauptet, diese hätten einen zersetzenden Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft“.
Zuletzt berichteten wir über Reza Begi weil er vor einigen Monaten eine Demo organisierte, auf der u.a. die KenFM-Autorin Evelyn Hecht-Galinski redete.

Der rechte Aktivisten und Redner diverse Gida-Veranstaltungen Curd Schumacher, der unseren Beitrag ebenfalls mit aller ihm zur Verfügung stehenden „Differenzierung und Denkarbeit“ geteilt hat, kommentierte

Eine vermeintliche Antwort auf Begis Frage „Welches Elend und Schmerz haben die osteuropäische CHASAREN erlebt“ bekommt man dann in der Kommentarspalte unter Schumachers Post gleich im zweiten Kommentar:

Direkt unter seinem Kommentar verlinkt er einen Artikel mit der Überschrift „Zionistische ‚Teufelsbrut‘ will Europa ausrotten“. Und obwohl gleich im zweiten Kommentar der Holocaust geleugnet wird, vermutlich nur um zum Ausdruck zu bringen, dass man zum Wohle des Friedens auch mal mit Nazis demonstrieren dürfe, meint ein weiterer Diskutant „Was die alles wissen😂wer ‚rechtsextrem’oder ‚wirr’ist.so ein blöder artikel..eins ist aber klar:die hellen köppe sind und waren immer im widerstand zu finden 😉finde ich jedenfalls..“

Auch Carsten Halffter, „bekannt“ u.a. durch eine antisemitische Rede, die er vor einer Synagoge hielt und der auch mit dem Bundestagsabgeordneten Diether Dehm(DIE LINKE) per Du ist, ist über unseren Blogpost empört und könnte sich auch einen freislerschen Gerichtshof vorstellen
Er teilte den Beitrag Curd Schuhmachers mit einem Statement, in dem er u.a. auf die ebenfalls mit Diether Dehm bekannte Band „die Bandbreite“ Bezug nahm:
Seinen Worten kann man also entnehmen, dass er geradezu mit antifaschistischem Anspruch Teil der Auftaktkundgebung war. Vermutlich hat er eben auch mit selber antifaschistischen Motivation vor einer Synagoge behauptete, Israel führe aus reiner Raffgierigkeit einen Völkermord durch. Zu Halffters Share gab es nur einen einzelnen Kommentar:
Gut zu wissen, dass auch „Merkel muss weg“ eine Friedensdemo war. Das hätten wir wohl wahrlich einfach übersehen. Mit diesem Wissen können wir ja auch das Angebot der Friedensdemofotografin Bianca Budnick annehmen, die ebenfalls an der „Merkel muss weg“-Friedensdemo teilnahm und Reza Begis eingangs erwähntes Posting mit einem Like versah. Diese machte ihren Aggressionen Luft und machte aus der Welt ein Irrenhaus und aus uns die Zentrale.

Man muss diesen Friedenswichteln eins lassen. Sie schaffen es immer wieder in ihre friedlichsten Absichten unter Beweis zu stellen.

 

 

 

Die Querfront und die „autoritäre nichtliberale Volks-Demokratie“

„Mein Vorbild“, ruft Jebsen, „ist die Natur! Im Wald gibt es keinen Krieg, der Wald produziert keinen Müll! Und die Zugvögel, die schaffen es jedes Jahr nach Afrika! Wenn die das demokratisch organisieren würden, kämen sie nur bis Sylt!“ Gelächter. „Nein“, brüllt Jebsen. „Die kommen bestens ohne Demokratie zurecht.“ (Berliner Zeitung)

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Mit dem „Führer“ gegen „das Imperium der jüdischen Lobby“ (Siehe auch: https://www.facebook.com/friedensdemowatch/photos/a.644425858945007.1073741828.644416022279324)

Rudolf Walther in der taz über die Studie „Querfront – Karriere eines publizistischen Netzwerkes„:

Bei allen Verdiensten von Storz ’ sorgfältiger Studie zeigen sich auch ihre Grenzen. Einmal beruht die Studie auf einer schmalen empirischen Basis, die weiterreichende Schlüsse nicht zulässt. Vor allem aber bleibt der theoretische Rahmen unklar, was sich an der tastenden Terminologie erweist. Als Ziel des rechten Netzwerks identifiziert Storz „die autoritäre nichtliberale Volks-Demokratie“.

Was soll – ins Deutsche übersetzt – „Volks-Volksherrschaft“ bedeuten? Die Verdopplung des Begriffs „Volk“ verweist auf die gleiche theoretische Untiefe wie die Übersetzung von „Populismus“ mit „Volkstümlichkeit“. Zu analysieren wäre doch, ob es neben dem rechten Populismus einen linken gibt und worin sich diese unterscheiden. Zumindest wird aus Storz ’ Analyse klar, dass auf dem Boden des rechten Netzwerks sicher keine Demokratie entsteht, auch keine „Volks-Demokratie“, bestenfalls ein Willkürregime mit demokratischer Fassade.“

Jan-Niklas Kniewel schrieb bei Publikative.org über die Studie „Occupy Frieden – Eine Befragung von Teilnehmer/innen der Montagsmahnwachen für den Frieden„:

Paradox

Dies alles erscheint nicht sonderlich neu und ist paradox, da zugleich 33,8 Prozent der Meinung sind, dass Deutschland „einen Führer“ haben sollte, der Deutschland „zum Wohle aller mit starker Hand regiert“ und weitere 29 Prozent diese Aussage zumindest nicht eindeutig ablehnen. Auf der anderen Seite wiederum lehnen 91,9 Prozent die Aussage ab, dass eine Diktatur unter bestimmten Umständen die bessere Staatsform sei und fast 97 Prozent befürworten die Idee der Demokratie.

Widersprüchlichkeiten dieser Art ziehen sich durch die gesamte Studie und sind in erster Linie ein weiterer Beweis dafür, die konfus und heterogen die Gruppe, sowohl in ihrer Zusammensetzung als auch in ihrer ideologischen Konstellation, ist und unterstreichen den Charakter der Querfront, den jene JournalistInnen, die sie als „neurechts“ einstufen unterschätzten.

Weiteren Aufschluss könnte hier geben, was Peter Nowak bei Telepolis zur selben Studie schrieb:

Ein Führer mit der harten Hand

Besonders auffällig ist die große Zustimmung zu der eindeutig antidemokratischen Aussage: „Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland mit starker Hand zum Wohle aller regiert.“ 19,3 Prozent der Befragten stimmen dieser Aussage vollständig und 14, 5 Prozent überwiegend zu. Damit sind ca. 30 Prozent der Befragten für rechtsautoritäre Alternativen zum bürgerlich-demokratischen System offen. Dass Redner der Berliner Montagsmahnwachen auch für langatmige Ausführungen, die mit dem Anspruch einer Erklärung der Welt verlesen wurden, großen Applaus erhielten, bestätigt diesen Befund.

Dass sich viele der Teilnehmenden trotzdem zur Demokratie im Allgemeinen bekennen, ist kein Widerspruch. Hat doch in diesem Füllbegriff durchaus auch ein demokratisch gewählter autoritärer Herrscher seinen Platz, der bei bestimmten Reizthemen Volksbefragungen ansetzt. Plebiszitäre Elemente haben längst auch schon Rechte als gutes Mittel erkannt, um Abstimmungsmehrheiten gegen Flüchtlinge und Minderheiten zu bekommen.

Lenz Jacobsen in der Zeit zur selben Studie:

Nach ihren persönlichen Beweggründen für die Teilnahme befragt, landete bei den Teilnehmern der Wille zur „politischen Aktivierung“ auf dem ersten Platz, noch vor dem Friedensanliegen. Man dürfe, sagte einer, sich „nicht mehr alles gefallen lassen“, sondern Verantwortung für Veränderung übernehmen. Was die Forscher nicht fanden: Vorschläge.

Er habe „das Bedürfnis aller Menschen nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit als Grundlage für eine weltweite und schichtenübergreifende Diskussion zur Neuordnung der Gesellschaft“, schreibt ein Demonstrant über seine Motivation. Die Forscher schreiben dazu: „In einigen Fällen geht die Ablehnung des Links-Rechts-Schemas mit einem starken antipolitischen Wunsch nach einer Gesellschaft ohne Widersprüche und Konflikt einher.“ Die Menschen selbst wollen das Gute, aber das jetzige System und seine Machthaber verhindern das. Eine naiv-totalitäre Sehnsucht kommt in solchen Aussagen zum Ausdruck: Die fehlerhaften politischen Realitäten zu beseitigen – auf dass endlich Demokratie und Frieden sei.

Florian Klehr von 5 Jahren über den Begriff „Kryptofaschismus“:

Was ist Faschismus?

Faschismus ist keine geschlossene Ideologie. Es gab in der Geschichte verschiedene Faschismen, die sich ihrerseits aus der Bündelung unterschiedlicher, teilweise sogar gegensätzlicher Strömungen in Abhängigkeit von bestimmten historischen Bedingungen entwickelten. Es lässt sich allerdings so etwas wie ein gemeinsamer Kernbestand faschistischer Weltanschauungen ausmachen:

Ziel und Mittelpunkt faschistischer Bestrebungen ist immer ein reakionär-utopisches Vergemeinschaftungsmodell kleinbürgerlichen Zuschnitts in Gestalt der mythischen Überhöhung und Idealisierung eines als organisch-naturwüchsig und bei aller inneren Differenziertheit und Hierarchisierung wesensmässig homogen vorgestellten fiktiven Kollektivs: das „Volk“ und die „Volksgemeinschaft“.

Dieser mythische Volksbegriff impliziert eine doppelte identitätsbildende Feindbildbestimmung:

Zum einen die Abgrenzung nach außen, gegen andere „Völker“, die mit dem eigenen „Volk“ als nicht dazugehörige äußere Feinde in einem Konkurrenzkampf stehen.

(Diese Feinderklärung nach außen kann sich auch nach innen richten, nämlich gegen alle, die sich einer Beteiligung am Kampf ihres „Volkes“, z.B. aus politischen Gründen, entziehen: diese erscheinen nämlich automatisch als objektive Agenten des Feindes im Inneren, die bekämpft werden müssen).

Zum anderen eine zwiefache Abgrenzung nach innen: einerseits nach oben, andererseits nach unten (hier offenbart sich der kleinbürgerliche Ursprung der faschistischen Vorstellungswelt):

Nach oben gegen „die Herrschenden“, die „Etablierten“, die „das Volk“ unterdrücken, und nach unten gegen vermeintlich nicht integrationswillige oder „von Natur aus“ integrationsunfähige Elemente, die die „Volksgemeinschaft“ belasten und ihre Homogenität gefährden. Die „Volksgemeinschaft“ konstituiert sich also über die Ausgrenzung vermeintlich „volksfremder“ oder „volksfeindlicher“ Elemente von oben und unten, die nicht dazu gehören: einerseits die herrschenden Eliten teils als vom „Volk“ losgelöste, egoistische Interessen verfolgende, „entwurzelte“ Kaste, teils als fremde, international organisierte Gruppe (wie die „internationale Hochfinanz“), andererseits die Unangepassten und Asozialen teils als degenerierter, „entarteter“ Bodensatz der Gesellschaft (z.B. sogenannte „Sozialschmarotzer“ oder auch sexuelle Minderheiten), teils als von Außen eingedrungene Fremdkörper (z.B. Migranten).

Dieses „völkische“ Vergemeinschaftungskonzept manifestiert sich in der Regel folgerichtig in entsprechenden Grundhaltungen wie Nationalismus, Rassismus, Elitenfeindlichkeit / Populismus, Antisemitismus.

Faschismus wird oft fälschlich reduziert auf Diktatur bzw. autoritäre Herrschaft.

Dieser verkürzte Faschismusbegriff blendet die entscheidende Tatsache völlig aus, daß der Faschismus in allen seinen historischen Erscheinungsformen immer mit einem emanzipatorischen, sozialrevolutionären Anspruch aufgetreten ist. Allerdings ging und geht es im Faschismus immer um eine völkisch-kollektive „Befreiung“ vom schädlichen Einfluß der inneren und äußeren Feinde.

Individuelle Freiheiten oder pluralistische Demokratiekonzepte haben in dieser Vorstellungswelt keinen Platz. Die faschistische „Volksbefreiung“ bzw. „Volksherrschaft“ ist totalitär, d.h. sie strebt nach einem Ideal von „Demokratie“, das sich in einer Einheit von „Volkswille“ und Herrschaft realisieren soll, also letztlich in der totalitären Identität von Staat und Gesellschaft.

Der Faschismus geht über den autoritären (aber eben nicht totalitären) Nationalismus hinaus, indem er ihn mit einem sozialrevolutionären Anspruch verbindet. Sein Emanzipationskonzept zielt aber lediglich auf die Befreiung des „völkischen“ Kollektivs von „fremden“ Einflüssen (wie schon beschrieben durch die Abwehr nach außen und innen, oben und unten) und hat mit linken emanzipatorischen Bestrebungen nichts zu tun, die die Ausbeutung, Verdinglichung und Entfremdung erzeugende Logik der Warenproduktion grundsätzlich in Frage stellen und von einem universalistischen Emanzipationsbegriff ausgehen, für den gesellschaftliche und individuelle Befreiung nicht voneinander zu trennen sind und der über jede völkische oder nationale Abgrenzung hinausgeht.

Gerade dadurch, daß er das Bedürfnis nach sozialer Emanzipation völkisch-nationalistisch umdeutete und seine Erfüllung in der Errichtung eines totalitären, protektionistischen, nationale Interessen kriegerisch-aggressiv vertretenden Wohlfahrtsstaates vorgaukelte, empfahl sich ja der historische Faschismus den Vertretern des nationalen Kapitals als Bündnispartner und Bollwerk gegen den Marxismus.

Der Anspruch des Faschismus, eine Synthese von rechts und links zu sein, ist selbstverständlich eine Fiktion und der Mythos von der „Volksgemeinschaft“ ist die Vergegenständlichung dieser Fiktion, durch die die Realität gesellschaftlicher Interessengegensätze vernebelt wird.

Die „Wahrheitsbewegung“: eine kryptofaschistische Internetsekte

Bei einer kritischen Durchsicht der in immer mehr Foren und Blogs kursierenden Textproduktion jener mit sektenartigem Fanatismus und Missionseifer vornehmlich im Internet agierenden Bewegung von Verschwörungstheoretikern und radikalen „Systemkritikern“, die sich selbst wahlweise als „Infokrieger“ oder als „Wahrheitsbewegung“ bezeichnen, lässt sich immer wieder ein zugrundeliegender weltanschaulicher Kern erkennen, der sich ziemlich genau mit dem deckt, was wir eben als faschistischen Kernbestand identifiziert haben.

In unzähligen Varianten wird da der unselige Einfluß der Juden – vornehmlich in Gestalt des Staates Israel und der sogenannten „zionistischen Lobby“ – thematisiert, die fehlende Souveränität des deutschen Volkes beklagt und mit allerlei irren Thesen zu belegen versucht, indem zum Beispiel die juristische Legitimität von Staat und Verfassung geleugnet wird; da verbindet sich die klassische Nazi-Klage über die Knechtung Deutschlands durch die Alliierten mit nach links anschlußfähger antiimperialistischer Amerikafeindschaft zum Kampfruf einer befreiungsnationalistischen Querfront, die kein rechts oder links mehr kennen will, sondern nur noch unterdrückte Deutsche; da wird an immer neuen Beispielen und stets mit einem Gestus „demokratischer“ Empörung dargestellt, wie „die Mächtigen“ in Gestalt der Politiker, der Medien, der Konzernherren und der „internationalen Hochfinanz“ das „Volk“ zum eigenen Vorteil belügen, betrügen, manipulieren und auspressen bis hin zu angeblich geplanten Massenmordaktionen zur Bevölkerungsreduktion; da wird in apokalyptischer Sehnsucht der unmittelbar bevorstehende Zusammenbruch des verhassten „Systems“ wieder und wieder herbeigeschrieben und zur Bildung von kleingärtnerisch-subsistenzwirtschaftlich organisierten, von Zins- und Geldwirtschaft unabhängigen „Überlebensgemeinschaften“ aufgerufen, die sich aus dem „System“ ausklinken, „unter Selbstverwaltung stellen“ und „Autarkie“ verwirklichen sollen, um zu Keimzellen einer neuen art- und naturgemässen „Volksgemeinschaft“ zu werden.

Bei den Menschen, die diese Texte nicht nur lesen, sondern auch fleissig weiterverbreiten, zum Beispiel in Social Networks wie dem sich in Teilen unübersehbar und von den Betreibern offenbar ungehindert bräunlich einfärbenden „Volksnetzwerkes“ wer-kennt-wen, handelt es sich oft um Leute, die weder über eine politische Sozialisation und Vorgeschichte, noch über eine wenigstens elementare politische Bildung verfügen, und die in ihrer völligen Unbedarftheit, unter dem Eindruck der in Folge der Krise zunehmend angespannten sozialen Verhältnisse und des damit verbundenen Verlustes gewohnter Sicherheiten einen starken, aber hilflosen Drang nach Aufklärung und politischem Widerstand entwickelt haben, der in seiner Orientierungslosigkeit für alle möglichen, auch mehr als fragwürdige Einflüsse offen ist, vor allem natürlich für solche, welche aufgrund ihres simplifizierenden Populismus schnell einleuchtend erscheinen und dem meist kleinbürgerlichen Horizont dieses Publikums entsprechen. Daraus entwickelt sich, ausgehend vom Verbreitungsmedium Internet, auch zunehmend ein ziemlich blinder, aber eifriger Aktivismus in der realen Welt in Form von Treffen, Stammtischen, Zusammenschlüssen mit dem Ziel der Gründung von Vereinen, neuen Parteien, Interessengemeinschaften und Projekten aller Art, deren vordergründige Lächerlichkeit und Unbeholfenheit nicht dazu verleiten sollte, diese Entwicklung, die gerade erst an ihrem Anfang zu stehen scheint, vorschnell zu verharmlosen.