Fragen und Antworten zur vereinigten Friedensbewegung

Die ak[due]ll, die studentische Zeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet, hat uns ein paar Fragen zur Friedensdemonstration gestellt, die am 03. Oktober in Essen stattfand, und auch allgemein über diese Querfront-Bewegung befragt.

1. Für was treten die Demonstrant*innen der Friedensdemo im Allgemeinen ein?

Sie treten wohl tatsächlich für Frieden ein. Oder für das, was sie unter „Frieden“ verstehen.

Nicht wenige der Friedensbewegten, insbesondere aus dem Spektrum der Mahnwachenbewegung, verstehen unter „Frieden“ weit mehr als die Abwesenheit von Krieg. Sie meinen auch die Abschaffung der Konflikte, die in einer liberalen Demokratie ausgetragen werden: „In einigen Fällen geht die Ablehnung des Links-Rechts-Schemas mit einem starken antipolitischen Wunsch nach einer Gesellschaft ohne Widersprüche und Konflikt einher“,  hieß es in der Studie „Occupy Frieden„, für die eine Befragung der Teilnehmer einer Berliner Montagsmahnwache stattfand. Der auf den Mahnwachen „mantrahaft wiederholt[en]“ Behauptung, die Einteilung in „links“ und „rechts“ sei in der Politik überholt, stimmten zwei Drittel der Befragten zu.

Die Mahnwachenteilnehmer würden sich zwar nicht als Antidemokraten bezeichnen. Es sprachen sich 91,9 Prozent gegen eine Diktatur und 97 Prozent für eine Demokratie aus. Oder für das, was sie für eine „Demokratie“ halten.

Viele deuten den Begriff „Demokratie“ um. Immer wieder wird auf Mahnwachen auf das angebliche Prinzip der Elite „Teile und Herrsche“ hingewiesen. Mit „Teile und Herrsche“ wird auch suggeriert, alle Streitigkeiten dienten nur sinisteren Verschwörern und eigentlich gebe es doch einen organischen Volkswillen, den man nur umsetzen müsste, ohne lange darüber zu streiten. 33,8 Prozent waren der Meinung, Deutschland solle „einen Führer“ haben, der Deutschland „zum Wohle aller mit starker Hand“ regiere und weitere 29 Prozent lehnten diese Aussage zumindest nicht eindeutig ab.

Rainer Braun redete am 1.10. auf einer Demo von Ken Jebsen vom „1%“, gegen das alle zusammen stehen müssten, die für den Frieden seien. Er ist eine führende Person der etablierten Friedensbewegung und nicht nur für die Demo am 8.10. mit Sahra Wagenknecht in Berlin maßgeblich mitverantwortlich, sondern hat auch sonst viel zur Vereinigung der etablierten Friedensbewegung mit den Mahnwachen beigetragen. Er scheut auch keine Kooperation mit Leuten, die ihrerseits mit Nazis kooperieren.

50 Prozent der für „Occupy Frieden“ befragten glaubten, die BRD sei kein souveräner Staat. In Anlehung an die „Reichsbürger“ heißt „Friedensbewegung“ für viele, einen Friedensvertrag zu fordern, durch den Deutschland wieder souverän und nicht mehr durch fremde Mächte kontrolliert werde.

Nich nur bei Braun, auch bei anderen Akteuren der etablierten Friedensbewegung gibt es ebenfalls oft verschwörungsideologische Untertöne, wenn es um Krieg und Frieden geht: So sprach Eugen Drewermann am 3.10. in Essen von der NATO als „Mafia“.

2. Welches Ziel verfolgte die Demo am 03. Oktober in Essen? Inwiefern äußerten die Akteur*innen NS-Relativierungen?

Die Demo richtete sich gemäß Aufruf in erster Linie gegen die NATO. Diese sei ihres Erachtens maßgeblich an den Kriegen der Welt schuld. Vom 4.10. an tagt in der Messe Essen eine Sicherheitskonferenz – Anlass für die Kundgebung am Vortag.

Die NATO wird von einem relevanten Teil der Besucher offenbar nur als eines von vielen Mitteln der amerikanischen Regierung und/oder irgendwelcher verschworener Kreise zur Erlangung der Weltherrschaft gesehen. Reden, z.B. gegen TTIP, zeigten aber, dass auch hier andere Themen hereinspielten. Der konkrete Anlass ist bei solchen Veranstaltungen meist nur der Aufhänger zur Verkündung simpler Weltbilder.

Eugen Drewermann meinte, die Deutschen hätten (erst) durch den Kalten Krieg „ihre Menschlichkeit verloren“.  Aber welche Menschlichkeit soll nach der Shoa noch da gewesen sein?

Drewermann behauptete auch, dass die NATO die ärgste Armee der Menschheitsgeschichte wäre. Implizit sagt er damit, die NATO sei schlimmer als die Nazis. Ähnliches behauptete er schon bei der Auftaktkundgebung des Friedenswinters im Dezember 2014, der ersten großen bundesweiten gemeinsamen Aktion von Mahnwachen und etablierter Friedensbewegung. In beiden Fällen wurde dem applaudiert.

In Essen gab es dazu passend auch ein Plakat mit dem Emblem der NATO, in das ein Hakenkreuz reingearbeitet wurde.

3. Welche Akteure sind dort anzutreffen?

Am 3.10. waren Akteure aus der etablierten Friedensbewegung, darunter leider auch Funktionäre der Partei Die LINKE, sowie Personen aus dem Umfeld der Montagsmahnwachen vor Ort. Das galt nicht nur für das Publikum, sondern auch für die aufgebauten Stände und das Bühnenprogramm.

Von Die LINKE waren dort: Andrej Hunko (MdB), Wolfgang Freye (ehemaliger OB-Kandidat), Sonja Neuhaus (Sprecherin des KV Essen), Gabriele Giesecke (Ratsfrau in Essen) und Jules El-Khatib (Mitglied im Landesvorstand NRW).

Daneben nahmen zahlreiche Leute aus dem Mahnwachenspektrum teil. So zum Beispiel Peter Jüriens der vormals einer der führenden Köpfe der Mahnwache für den Frieden Bochum war und heute unter anderem beim Friedenskreis Wanfried und als Mitorganisator der Friedenstournee friedenspolitisch aktiv ist.

Jürgen Lutterkordt, heute ebenfalls beim Friedenskreis Wanfried und Mitorganisator der Friedenstournee, filmte die Veranstaltung für das „Alternativmedium“ Regenbogen.tv. Solche „Alternativmedien“ sind für die Mahnwachenbewegung sehr wichtig, ist sie doch einer der Pioniere des postfaktischen Zeitalters gewesen. Mittlerweile gibt es ein  publizistisches Netzwerk, welches Wolfgang Storz in einem Arbeitspapier für die Otto-Brenner-Stuftung durchleuchtet hat, in dem sich die Verschwörungsideologen wechselzeitig rezipieren und interviewen.

Mittlerweile handelt es sich um eine vereinigte Friedensbewegung. Alt- und Neufriedensbewegte „schlenderten […] in unterschiedlichen aber überschneidenden Konstellationen [sich] freundschaftlich umarmend und händeschüttelnd über den Kundgebungsplatz“, wie Beobachter das beschrieben.

Wojna von der Band Die Bandbreite ließ in dem Getümmel ein Foto mit der linken Bundestagsabgeodneten Sevim Dagdelem machen, das er anschließend bei Instagramm präsentierte. Die Bandbreite wird nicht nur von der NPD als „volkssozialistische Musikgruppe“ und von ‚Die Rechte‘ Dortmund wegen ihrer „Anschlussfähigkeit an nationale Positionen“ empfohlen, sondern trat auch schon bei rechtsextremen Veranstaltungen wie der „Anti Zensur Konferenz“ auf.

Die Bandbreite hat aber auch schon mit der Sängerin Morgaine zusammengearbeitet, die an diesem Tag zwischen Eugen Drewermann und Sevim Dagdelen auf der Bühne stand.

Der Verschwörungsrapper und die Bundestagsabgeordnete
Der Verschwörungsrapper und die Bundestagsabgeordnete

Andere Demonstrationen dieser vereinigten Friedensbewegung wie jene der Kampagnen „Friedenswinter“ und „Stopp Ramstein“ setzten und setzen sich ganz ähnlich zusammen: Vor allem im Internet geschulte Verschwörungsideologen treffen auf Altfriedensbewegte und Antiimperialisten z.B. aus der Partei Die LINKE.

4. Die Demonstrations-Anmelder*innen brüsten sich damit, eine Plattform für Aktivist*innen zu schaffen, die sich weder links noch rechts verorten wollen. Wie gelingt es ihnen, dennoch einen gemeinsamen Nenner zu finden?

Auf Grund ideologischer Schnittmengen finden hier einige von Rinks und einige von Lechts zusammen. Diese Schnittmengen bestehen vor allem in geteilten Ressentiments gegen „die da oben“, gegen „den Ami“ und Israel. Eine nicht geringe Rolle spielt dabei aber auch der durch die politischen Lager hinweg verbreitete Antisemitismus in seinen verschiedenen Formen.

Hinzu kommen ein zeilweise gemeinsamer Hang zur Esoterik, zum Regionalismus und die oben bereits erwähnte Sehnsucht danach, in einer homogenen Masse aufzugehen.

Ähnliches stellte Wolfgang Pohrt schon 1981 in seinem Aufsatz „Ein Volk, ein Reich, ein Frieden“  bei der Friedensbewegung fest, der an Aktualität nach 35 Jahren nichts verloren, wohl eher einiges gewonnen hat. Vermutlich fällt das alles auf Grund sozialer Netzwerke, der „Alternativmedien“ im Internet usw. nur vermehrt auf und ist leichter zu belegen.

5. Welchen Stellenwert hat der Antisemitismus?

51,6% der für „Occupy Frieden“ befragten stimmten Lars Mährholz‘ Aussage zu, dass „Amerika bzw. das amerikanische Militär“ nur „der Knüppel der FED“ sei, 39,4 Prozent lehtnen diese Aussage nicht eindeutig ab. Als angebliche Eigentümer der amerikanischen Notenbank vermutete nicht nur Lars Mährholz vor allem die Rothschilds. 27,3% der Teilnehmer stimmten zu, dass sich „Zionisten weltweit an die Hebel der Macht gesetzt“ hätten und „Politik, Börse und und auch die Medien nach ihrer Pfeife tanzen“ lassen würden. 19,7% lehnten das nicht eindeutig ab.

Der Begriff „Zionist“ hat in dieser Verwendung mehr mit den Protokollen der Weisen von Zion zu tun als mit seiner tatsächlichen Bedeutung. Aber selbst primärer Antisemitismus geht dann bei nicht wenigen als angeblich legitimer „Antizionismus“ durch. Man habe ja nichts gegen Juden, sondern nur gegen „Zionisten“.

Solche Begriffsumdeutungen wie bei „Zionist“ und „Demokratie“ sieht man in diesen Kreisen auch bei einigen anderen Begriffen. So wird der Begriff des Antisemitismus oft in seine Bestandteile zerlegt, behauptet die Juden seien keine „Semiten“ und Israel kein „semitischer Staat“ und desegen könne es gar nicht antisemitisch sein wenn man was gegen die sagt. Und überhaupt seien ja die Palästinenser die wirklichen Semiten und Israel bzw. „die Zionisten“ die wirklichen Antisemiten.

Das zeigt auch dass die regelmäßigen Beteuerungen aus den Reihen der Friedensbewegung man dulde keine Antisemitismus recht wenig wert sind. Man arbeitet dann einfach doch mit ihnen zusammen, behauptet sogar sie wären keine.

Dass nur 2,1 Prozent der Befragten bei „Occupy Frieden“ der offen antisemitischen Aussage „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß“ zustimmten dürfte aber nicht nur daran gelegen haben das Codes wie „Zionisten“ die Juden scheinbar ersetzt haben. Es dürfte auch daran  daran gelegen haben, dass die Teilnehmer durch die damalige Medienberichterstattung sensibilisiert waren. 88% glaubten durch „eine gleichgeschaltete Presse in eine rechte Ecke gestellt“ zu werden.

Man mag einwenden dass die Zahlen von „Occupy Frieden“ nicht repräsentativ für die heutige vereinigte Friedensbewegung sind. Neuere Zahlen gibt es nicht, aber unzählige Beispiele für Antisemitismus.

Der Präsident des Deutschen Freidenkerverbandes zum Beispiel veröffentlichte bei Facebook eine antisemitische Karikatur. Merkel war als Prostituierte mit einem Davidstern auf dem Po dargestellt die jüdischen Bankerfamilien diene. Diese zionistischen Bosse stünden hinter der EU.

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Der deutsche Freidenkerverband ist schon lange in der Friedensbewegung angekommen und akzeptiert. Primärer Antisemitismus taucht also vereinzelt auch bei den etablierten Akteuren der  Friedensbewegung auf. Wer das weiß wundert sich weniger über das Zusammengehen mit den Mahnwachen. Unter deren führenden Köpfen dürfte Antisemitismus noch verbreiteter sein als bei den durch „Occupy Frieden“ befragten Demoteilnehmern.

Ken Jebsen ist einer der führenden Ideologen und Demagogen der Mahnwachenbewegung. In seinem Beitrag „Zionistischer Rassismus“ vermutete er „Zionisten“ hinter jedem seiner Meinung nach imperialistischen Verhalten der USA. Er rechnete sogar den Anteil der Amerikaner „mit jüdischen Roots“ in der amerikanischen Oberschicht im Vergleich zu Einwanderern mit „deutschen Roots“ vor. In welche Kategorie deutsche Juden für ihn gehörten wurde dabei nicht klar, aber vermutlich wurden sie „wurzelmäßig ausgebürgert“, wie es eine Bloggerin formulierte.

Mittlerweile ist Jebsen vorsichtiger geworden und versucht nicht mehr den Anteil der Juden an der Weltherrschaft zu berechnen, aber über die von „Zionisten“ dirigierte Wall-Street wird bei KenFM immer noch gerne geplaudert, nicht ohne zu erwähnen dass man dafür zu unrech als Antisemit bezeichnet werde und die angeblich nach Weltherrschaft strebenden „Zionisten“ so schlimm sein wie die Nazis.

Auch in anderen mehr oder weniger relevanteren Akteuren der Mahnwachen denkt es ähnlich. Am 1. Oktober moderierte Schattauer Jebsens Demo, stand also z.B. mit Rainer Braun auf der Bühne. Außerhalb des Mahnwachenspektrums ist er in Deutschland vor allem durch seinen Rant gegen die Antilopen Gang und seine Beteiligung an der Friedensfahrt Berlin-Moskau zu zweifelhaften Ruhm gekommen. Über letztere berichtete Frontal21 in einem Beitrag über russische Propaganda. In Russland wurde Schattauer in einem Beitrag des quotenstarken russischen Fernsehsenders NTV als „in Deutschland bekannter Rapper“ und „Vorbild der deutschen Jugend“ bezeichnet.

Dieses „Vorbild der deutschen Jugend“ teilte auf Facebook diverse antisemitische Beiträge. In einem von Schattauer geteilten Beitrag wurde behauptet, Deutschland befände sich u.a. mit Russland, Nordkorea, Ungarn und Island im Krieg weil deren Zentralbanken noch nicht den Rothschilds gehörten. Schattauer ergänzte diesen Meilenstein des Postfaktischen durch die Aussage: „Und das hat NICHTS mit Antisemitismus zu tun!!!!„. schattauer-nichts-mit-antisemitismus

„Stopp Ramstein“ war eine gemeinsame Kampagne von Mahnwachen und Altfriedensbewegten. Den Kampagnensong „In Ramstein“ spielte die Band „VitaVision“ ein. In einer breiteren Öffentlichkeit kam VitaVision aber durch ihren Song über „Chemtrails“ zu zweifelhaftem Ruhm weil z.B. Jan Böhmermann diesen teilte.

Die „Chemtrails“-Verschwörungstheorie besagt die Kondensstreifen von Flugzeugen seien durch Verschwörer bewusst ausgebrachte Gifte. Im Umfeld der Mahnwachen glauben das nicht wenige. Dieser Glauben steht mal mehr und mal weniger offen in Tradition der schon im Mittelalter erhobenen Vorwürfe gegen die Juden, diese würden Brunnen vergiften. In dem Video zum VitaVision-Song „Chemtrails“ wurden Collagen eines Antisemiten eingeblendet, der sonst auch die Shoa leugnet. Ein Versehen?

Die Sängerin der Band teilte bei Facebook einen  Blogpost in dem behauptet wurde, die Bilder aus den deutschen Vernichtungslagern zeigten „in Wahrheit“ keine Juden. Es handele sich statt dessen um Deutsche, die die Allierten zu Millionen ermordet hätten. Man habe sie „umetikettiert“ um den Deutschen einen „Schuldkomplex“ einzupflanzen und ein „Besatzungsregime“ unter „zionistischer Knechtschaft“ zu installieren.

Bei „Stopp Rammsein“ trat auch Oskar Lafontaine  auf. Er veröffentlichte sogar ein gemeinsames Bild bei Facebook. Das symbolische Foto findet sich bis heute auf der Facebookseite von Oskar Lafontaine. Die Band hat es geteilt. Lafontaine selbst wird weit vorne in der Mitte präsentiert als sei er Teil des Transparentes, im Hintergrund wartet VitaVision um im Fahrtwasser seiner Prominenz ein breiteres Publikum zu erreichen und mittendrin steht und moderiert Reiner Braun, der „für den Frieden“ alle vereinen will.

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Oskar Lafontaine (vor der Bühne in der Mitte), Reiner Braun (auf der Bühne in der Mitte mit Mikro) und die Band VitaVision(auf der Bühne).

Neben dem primären Antisemitismus und dem z.B. in Reden von „1%“ noch häufiger anzutreffenden strukturellen Antisemitismus spielt aber noch der israelbezogene Antisemitismus eine große Rolle. So fällt auf, wie unglaublich überrepräsentiert der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern im Vergleich zu allen anderen Konflikten der Welt z.B. in den altfriedensbewegten Tagungen und den neufriedensbewegten „Alternativmedien“ ist. Hätten sie nicht noch die USA als zweites Lieblingsfeindbild, wären sie wohl mit so gut wie nichts anderem mehr beschäftigt: „no jews, no news“.

6. Spielen Akteure wie Jürgen Elässer und Ken Jebsen noch immer eine entscheidende Rolle in der Friedensbewegung?

Wie oben erwähnt trat Rainer Braun am 1.10. bei einer Demo von Ken Jebsen auf. Seine Demo am 8.10. bewarb er aber auch in Jebsens „Alternativmedium“ KenFM. Dafür gab sich sogar der linke Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrcke her, der neben Braun in Jebsens Studio saß.cuhe4xaxeaa61z4

Bei Demos, für die man sich aber die Unterstützung z.B. von Funktionären der Partei Die LINKE erhofft, tauchen die Neufriedensbewegten auf den offiziellen Internetseiten und Flyern der Kampagnen für gewöhnlich nur im Kleingedruckten, z.B. in der Liste der Unterstützer, auf. Mit Hilfe von KenFM und anderen „Alternativmedien“ wird vor allem im Internet, z.B. über Facebook und Youtube, mobilisiert. Hier hat sich eine Art Arbeitsteilung eingeschlichen.

Der für die Demo in Essen mitverantwortliche Bernhard Trautvetter und einige andere aus der etablierten Friedensbewegung wahren schon mehrfach Interviewpartner für Ken Jebsens Medium KenFM. Auch andere Personen aus der etablierten Friedensbewegung haben die mediale Reichweite der „Alternativmedien“ zu schätzen gelernt.

Gerade KenFM erreicht wohl auch ein junges Publikum, das die alternde Friedensbewegung selbst so gut wie gar nicht mehr erreicht. Die Friedensbewegung will sich  mit Hilfe von Mahnwachen und „Alternativmedien“ verjüngen.

Im Gegenzug können sich Jebsen und Co. durch etablierte Gäste und Kooperationspartner einen seriösen Anstrich geben und haben sogar auf Grund des Altersunterschiedes eine gute Aussicht die Friedensbewegung irgendwann ganz zu übernehmen. Ein Artikel des taz-Bewegungsreporters Martin Kaul dazu hatte die passende Überschrift: „Friedensbewegung will sich verjüngen. Gute Nacht, Freunde„.

Der Verschmelzung der etablierten Friedensbewegung mit Teilen der Mahnwachen ging die gemeinsame Kampagne „Friedenswinter“ vorraus. Schon bei der Auftaktkundgebung stellte es sich so dar, dass im Organisationskomitee und auf der Bühne einige Personen aus dem Mahnwachenspektrum vertreten waren. So moderierte die Mahnwachenrednerin und RT-Deutsch-Journalistin Lea Frings. In der Orga saßen unbekanntere Personen von den Mahnwachen, diese hatten in der Vergangenheit zum Teil keineswegs weniger übles Zeug geredet als Jebsen, aber weil davon so gut wie niemand wusste konnte man offiziell mit ihnen zusammen arbeiten.

Auch wurden keine wegen öffentlich bekannter(!) Äußerungen umstrittenen Personen als Redner angekündigt. So konnten Personen aus der etablierten Friedensbewegung und der Partei Die LINKE im Vorfeld ihre Unterstützung des Friedenswinter rechtfertigen indem sie behaupteten, Ken Jebsen und Lars Mährholz hätten mit der Sache nichts zu tun – die allermeisten davon haben es wahrscheinlich selbst nicht besser gewusst. Am Tag der Demo fuhr da aber auf einmal ein unangekündigter Lauti der Mahnwachen mit von dem Mährholz und Jebsen ihre Reden hielten. Für uns war das wenig überraschend.

Jügen Elsässer darf bei dieser vereinigten Friedensbewegung nicht mitmachen. Man grenzt sich stets laut von der Person Elsässer ab und stellte diese Abgrenzung als Beweis dafür dar, dass man es geschafft habe, alle fragwürdigen Positionen aus der vereinigten Friedensbewegung draußen zu halten. Der Auschluss Elsässers ist, ob nun so intendiert oder nicht, eher als ein symbolischer Akt zu verstehen, mit dem man sich gegenüber Linken bündnisfähig zeigt.

Am 8.10. finden in Berlin zweit Friedensdemos fast am gleichen Ort statt. Die kleinere ist u.a. von  Guido Ciburski und Frank Geppert initiert. Ciburski ist ein relativ offen rechter Aktivist aus dem Mahnwachenspektrum. Er ließ beinahe den gesamten Friedenswinter platzen, als er einen Antrag stellte die Distanzierung zu Elsässer aufzuheben. Laut Beobachtern hätte der Antrag eine Mehrheit erreicht. Als ihm klar wurde, dass dann die Kräfte der etablierten Friedensbewegung austeigen würden, zog er seinen Antrag aber zurück.

Frank Geppert war einer der Köpfe der Mahnwachenabspaltung „Endgame“, bei der auch mal Nazischläger als Ordner eingesetzt wurden, die handgreiflich gegenüber Gegendemonstranten und Journalisten wurden.

Aber diese Kreise sind mehr als durchlässig, wie sich letzmalig am 1.10. auf der von Ken Jebsen initierten Friedens-Kundgebung vor dem Kanzleramt wieder zeigte. Dort fanden sich Personen beider Flügel ein. Neben Reiner Braun, Pedram Shahyar und Prinz Chaos waren z.B. auch Frank Geppert auf dem Platz.

Zur besonders rechtsoffenen Konkurrenzveranstaltung von Geppert,Ciburski und Co. fiel den Freidenkern und der jungen Welt übrigens nichts anderes ein, als zu behaupten, diese Konkurrenzveranstaltung wäre ein Einfall „der Herrschenden“, um die Friedensbewegung zu diskreditieren. Auch das zeigt, dass im Umfeld der etablierten Friedensbewegung ähnliche Welterklärungsmuster wie bei KenFM vorhanden sind, von daher besteht hohe Anschlussfähigkeit.

7. Gibt es parlamentarische Unterstützung der Friedensdemonstrant*innen?

Ja. Auf Mahnwachen waren diverse AfD-Politiker vor Ort, die damals aber noch keine Mandate hatten. Bei der heutigen vereinigten Friedensbewegung, wie man sie auch in Essen in Aktion erleben konnte, hält man die AfD aber erkennbar draußen und macht Kooperationsangebote vor allen an die Partei Die LINKE, die leider viel zu oft positiv beantwortet werden:

Am 3.10. redete Sevim Dagdelen in Essen, am 8.10. war Sarah Wagenknecht in Berlin (angekündigt), der Parteivorstand hatte zu dieser Demo am 8. aufgerufen. Diether Dehm trat schon 2014 auf einer Mahnwache auf. Die Linksfraktion im Bundestag unterstützte eine Publikation des Friedenswinter finanziell. Zahlreiche Politiker der Linken unterschrieben den Aufruf zu „Stopp Ramstein“. Zur Demo am 8.10. rief der Parteivorstand der Linken auf.

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